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Zivilprozess für Anfänger: Ablauf, Herausforderung und Strategie

Eine gute Vorbereitung auf die mündliche Verhandlung ist enorm wichtig. Wie diese funktioniert, erläutert das neue Werk „Zivilprozess für Anfänger“ (C.H.BECK).

Anhand zahlreicher Beispiele und Checklisten stellt es die einzelnen Schritte eines Zivilprozesses und die hierfür erforderlichen Grundlagen des Zivilprozessrechts für Rechtsanwälte, Referendare und Jurastudierende dar. Im Interview geben die Autoren und Rechtsanwälte Harald Bechteler und Johannes Raue erste Einblicke – und erklären worauf es ankommt.

 

Sie sind beide erfahrene Prozessanwälte. Was ist die größte Herausforderung für Berufseinsteiger?

Anders als noch im Studium beziehungsweise später im Referendariat muss ein Rechtsanwalt in der Praxis immer wieder mit Angaben zum Sachverhalt arbeiten, die unvollständig oder ungenau sind oder sich einfach nicht beweisen lassen. Die Aufgabe eines Rechtsanwaltes ist es dann, damit klarzukommen.

 

Was sollte ich als Berufsanfänger in so einer Situation unbedingt vermeiden?

Geradezu fatal wäre es in diesem Fall, etwa im Rahmen eines vorgerichtlichen Gesprächs mit einem vom eigenen Mandanten angebotenen Zeugen diesem Antworten vorzugeben, durch Suggestivfragen etwas „in den Mund zu legen“ oder ihm einfach nur solange ein und dieselbe Frage zu stellen, bis der Zeuge von sich aus die „gewünschte“ Antwort gibt. Das würde – sollte der Zeuge die „eintrainierte“ Antwort im Prozess wiederholen – nicht nur einen Verstoß gegen die prozessuale Wahrheitspflicht bedeuten, sondern könnte auch strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen.

 

Die Grundregeln im Zivilprozess

 

Dass eine Kontaktaufnahme des Rechtsanwaltes vor der mündlichen Verhandlung mit möglichen oder von seinem Mandanten bereits angebotenen Zeugen sinnvoll, oft auch unabdingbar ist, steht außer Frage. Bei derartigen Vorgesprächen mit Zeugen gilt es aus unserer Sicht jedoch einige Grundregeln zu beachten. Diese haben wir in dem Buch „Zivilprozess für Anfänger“ unter anderem in Form einer Checkliste zusammengestellt.

 

Welche Fehler begegnen Ihnen häufig auch bei erfahrenen Anwälten der Gegenseite?

Auch erfahrene Rechtsanwälte neigen dazu, die Erfolgsaussichten des Falles eines Mandanten subjektiv deutlich besser einzuschätzen als sie objektiv tatsächlich sind.

 

Woran liegt das?

Das liegt zum Teil daran, dass sich Rechtsanwälte durch die Wiedergabe einer vom Mandanten gewünschten positiven Einschätzung erhoffen, für den konkreten Fall auch mandatiert zu werden. Oft ist der Grund jedoch ein anderer.

 

Nämlich?

Gerade wenn sich Rechtsanwälte über einen langen Zeitraum sehr intensiv mit einem Fall beschäftigen und in ihren Schriftsätzen die Position des eigenen Mandanten herausgearbeitet haben, passiert es, dass sie sich selbst mit den von ihnen vorgebrachten Argumenten zu stark identifizieren. Das führt zum einen zu einer Selbstüberschätzung der vertretenen Position und zum anderen dazu, dass der Rechtsanwalt beginnt die Sache persönlich zu nehmen, was einer erfolgreichen Prozessvertretung nie guttut.

 

Was ist ebenfalls kontraproduktiv?

Häufig versäumen Rechtsanwälte es, ihren Mandanten darüber aufzuklären, dass sich ihre Schriftsätze naturgemäß deutlich positiver für den Mandanten lesen, als es die Rechtslage – objektiv betrachtet – hergibt. Die Folge hiervon ist, dass der Mandant ein falsches Bild seiner eigenen Erfolgsaussichten entwickelt.

 

Warum Vergleiche im Zivilprozess scheitern

 

An der Überbewertung der eigenen Erfolgsaussichten – sowohl auf Seiten des Rechtsanwaltes als auch auf Seiten des Mandanten – scheitert im Verfahren dann leider recht häufig der Abschluss eines – objektiv betrachtet – vorteilhaften Vergleiches. Das mit dem Abschluss eines Vergleiches einhergehende „gegenseitige Nachgeben“ wird in diesen Fällen vielmehr als Niederlage wahrgenommen.

 

In Ihrem Werk geben Sie Antworten auf Fragen im Zivilprozess, die im Referendariat nicht immer ausreichend beantwortet werden, mit denen jedoch ein Anwalt oftmals konfrontiert wird. Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Als das aus unserer Sicht wohl plakativste Beispiel kann hier das Fristenwesen genannt werden. Berufsanfängern ist in der Regel schon bewusst, innerhalb welcher Fristen sie in einem laufenden Mandat bestimmte Prozesshandlungen vornehmen müssen. Auch wissen sie, dass es hierbei verlängerbare und nicht verlängerbare Fristen gibt.

 

Wo ist der Knackpunkt?

Die ersten Schwierigkeiten treten schon dann auf, wenn beispielsweise das Ende einer verlängerbaren Schriftsatzfrist immer näher rückt, der zuständige Richter auf einen ordnungsgemäß gestellten Fristverlängerungsantrag allerdings nicht reagiert. Wie hiermit umgegangen werden kann, ohne gleich in „Panik“ zu verfallen, haben wir in unserem Buch dargestellt.

 

Fristversäumnisse im Zivilprozess – ein wichtiges Kapitel

 

Richtig kritisch wird es schließlich – nicht nur bei Berufsanfängern –, wenn eine Frist doch einmal versäumt worden sein sollte. Hier bleibt dann zumeist nur noch die Möglichkeit, einen Antrag auf Wiedereinsetzung in den vorigen Stand zu stellen. Dabei gilt es einiges zu beachten, damit dieser nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Auch hierzu haben wir in dem Buch „Zivilprozess für Anfänger“ ein ganzes Kapitel gewidmet.

 

Gibt es den einen Tipp oder Trick, den wirklich jeder junge Anwalt für den ersten Auftritt vor Gericht kennen sollte?

Ein Rechtsanwalt sollte vor Gericht souverän auftreten. Dies gelingt ihm am ehesten, wenn er den Sachverhalt und die rechtlich entscheidenden Punkte des konkreten Falles kennt. Eine gute Vorbereitung auf die mündliche Verhandlung ist daher „die halbe Miete“. Sie gibt Sicherheit und hilft dem Rechtsanwalt, die Ruhe und damit auch die „Kontrolle“ über die mündliche Verhandlung zu bewahren. Hierfür sollte sich ein Rechtsanwalt rechtzeitig vor der mündlichen Verhandlung nochmals den wechselseitigen Vortrag der Parteien in Erinnerung rufen, sprich nochmals lesen.

 

Lassen Sie sich nicht aus dem Konzept bringen

 

Als besonders wichtig erachten wir es, die streitentscheidenden Punkte zu kennen und gegebenenfalls auf ein separates Blatt zu notieren, um sich nicht aus dem Konzept bringen zu lassen, wenn die Gegenseite in der mündlichen Verhandlung versucht, davon abzulenken. Und es hilft, ein Stück Schokolade dabei zu haben – wenn es mal wieder ein bisschen länger dauert.

 

Zivilprozess für Anfänger

Bechteler / Raue

Zivilprozess für Anfänger

Zivilprozess für Anfänger

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Die Autoren

Harald Bechteler und Johannes Raue sind Rechtsanwälte und Wirtschaftsmediatoren der internationalen Kanzlei Taylor Wessing. Beide verfügen über große Erfahrung in komplexen nationalen und internationalen Rechtsstreitigkeiten, vor allem in den Bereichen Handelsrecht, Werk- und Kaufvertragsrecht, Schadensersatzrecht und Insolvenzrecht.

 

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