Referendare in der „Elefantenrunde“

Wer durchs Zweite Staatsexamen fällt, muss in den meisten Bundesländern sein Referen­dariat verlängern. Besonders streng ist dieser so genannte Ergänzungsvorbereitungsdienst in Schleswig-Holstein ausgestaltet: Wer dort ein solches „Bootcamp“ (so kürzlich „Zeit ­Online“ in einer etwas reißerischen Reportage) hinter sich bringt, besteht in rund 90 % der Fälle die Prüfung. Im Detail gibt es im Bundesgebiet unterschiedliche Regeln.

 

„Das ist eine besondere Situation – gekennzeichnet von tiefer Verletztheit und dem Bestreben, möglichst gut aus der Sache rauszukommen.“ So beschreibt ­Peter Thurn, Vorsitzender Richter am OLG Köln, die Lage der Teilnehmer. Elf Jahre lang hat er eine solche Repetenten-AG geleitet. Mit Herzblut und viel positivem Feed­back, wie er berichtet: „In diesem Zustand des Angeschlagenseins sind die Teilnehmer deutlich dankbarer, als wenn sie im Referendariat das Pflichtprogramm ­absolvieren.“ Die Folge: „Den typischen Kasper gibt es hier nicht. Und nur ganz selten lässt mal jemand seine Wut raus; unter vielen Hundert habe ich nie erlebt, dass jemand ständig destruktiv gestört hätte.“

Wer mitmacht, ist typischerweise Ende 20 bis Mitte 30. Aber es gibt auch Ausreißer, die deutlich älter sind. Frauen und Männer verteilen sich ungefähr gleich. Richter Thurn spricht von einer „gehobeneren Form der Kameradschaft als in einer normalen AG“. Hier gebe es keinen großen Leistungsabstand: „Alle sitzen in einem Boot; jeder ist das ärmste Schwein und weiß, dass er um sein eigenes Leben kämpft.“ Wie kommt es überhaupt so weit? Nicht immer durch juristische Lücken, schildert der erfahrene Ausbilder. „Das Examen hat wahnsinnig viel mit Glück und Zufall zu tun“, sagte er der NJW: „Es liegt durchaus nicht alles an ­eigener Faulheit oder Dummheit, wie es den Betrof­fenen oft eingeredet wird.“ Bei manchen Teilnehmern sei man als AG-Leiter fassungslos, dass sie durchge­fallen sind – bei anderen, dass sie überhaupt so weit gekommen sind.

Subsumtion immer noch nicht begriffen

Was Thurn immer wieder beobachtet hat: „Viele von ihnen haben sich schon im Studium schwer getan und länger gebraucht.“ Manche hätten aber auch zuvor die Anforderungen im Zweiten Examen völlig unterschätzt und seien zu blauäugig herangegangen. „Leider Gottes gibt es außerdem sehr häufig Menschen, die immer noch nicht begriffen haben, was die juristische Logik ausmacht – das Subsumieren nämlich.“ Bundesweit rasselten im Schnitt zuletzt 14,2 % der Kandidaten durch die Zweite Staatsprüfung.

In Nordrhein-Westfalen dauert die Verlängerung typischerweise vier Monate bei zumeist gekürzten Bezügen; zweimal wöchentlich gibt es Übungsklausuren und Besprechungen in den drei Kerngebieten in der AG an ­verschiedenen Gerichtsstandorten sowie einen selbst gewählten Ausbilder. Wie schon im regulären Referen­dariat wählen viele in der „Elefantenrunde“ eine Anwaltskanzlei als „Tauchstation“, um mehr flexible Zeit zum Pauken zu haben. Vielen reicht die Maximallänge nicht; möglich ist dann ein vorübergehendes Aus­scheiden aus dem Staatsdienst ohne Bezüge. Mancher, dem die dann allerdings vorgeschriebene Zwangspause von sechs Monaten wiederum zu lang ist, besorgt sich ­stattdessen beim Hausarzt einen „gelben Schein“. Auch nicht selten: Manche steigen auch erst einmal ein, zwei Jahre aus, bevor sie mit ihrem neuen Anlauf beginnen.

Den Wiederholern rät „Elefantentrainer“ Thurn, sich zehn Stunden täglich für die AGs und zum Lernen zu nehmen – sich dann aber am Wochenende unbedingt zu erholen. „Das reicht aus, dafür braucht man schon starke Nerven, und mehr schafft auch der motivierteste Kandidat nicht.“ Den Schwerpunkt solle man aufs ­Lösen von Fällen legen und daneben auch Aktenvorträge als quasi „kleine Klausuren“ üben. Ein letzter Hoffnungsschimmer: Wer auch beim zweiten Mal scheitert, kann beim Prüfungsamt einen „Gnadenversuch“ beantragen. Ansonsten: „Viele versuchen es auch gar nicht wieder“, hat Thurn erlebt: „Die Zahl möglicher ­Berufsfelder auch ohne das Zweite Examen hat sich unglaublich erweitert.“ Zumal wenn man die Kenntnisse und Erfahrungen aus dem Referendariat mitbringe.

Wer die Wiederholermühle noch vor dem endgültigen Aus durchgestanden hat, zeigt sich zumeist ausgesprochen zufrieden. „Das hat großartig viel gebracht“, sagt jemand aus Schleswig-Holstein. Die Arbeitsgemeinschaften seien deutlich besser strukturiert gewesen als zuvor im regulären Referendariat. „Die vier Monate sind unfassbar schwierig, wenn man die Sache ernst nimmt – aber ein großartiges Geschenk.“

 

Ein Beitrag von Prof. Dr. Joachim Jahn, Mitglied der NJW Schriftleitung/ 20.09.2018

 

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