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Spiel mit den Grenzen - ein Beitrag über gesunde Aggressivität

Wenn wir Grenzen setzen, stecken wir unseren persönlichen Raum ab und sorgen für unsere Sicherheit. Für ein selbstbestimmtes Leben braucht es klare Grenzen, denn wer keine setzt und nicht für sich einsteht, wird übergangen, sei es im Privaten oder im Beruf. Sich abgrenzen ist nicht immer leicht. Neben eindeutigen Worten braucht es dazu auch Dinge, die nicht immer gut gelitten sind: gesunde Aggressivität und das innere Schwert.

Die Klinke auf der falschen Seite der Tür

Wie gut wir für unsere Grenzen sorgen, hängt auch davon ab, was wir darüber in der Kindheit erfahren haben. Bildlich gesprochen, ist im jungen Alter die «Klinke zur Tür des psychischen Eigenheims» noch nicht innen, sondern aussen angebracht. Erwachsene können sich dort also Zutritt verschaffen, ohne anzuklopfen. Nicht selten wird bei solchen Grenzüberschreitungen einiger Schaden angerichtet.

Lernt das Kind nicht, sich zu wehren, kommt weitgehend das Vermögen abhanden, die eigenen Grenzen zu verteidigen, was sich häufig bis ins Erwachsenenalter fortsetzt. Dann kann es leicht passieren, dass wir jemandem widerstandslos gestatten, unsere Grenzen zu überschreiten und uns verbal zu misshandeln. Die Person dringt in unser «Zuhause» ein, richtet Chaos an und verschwindet.

Haben wir unser sprichwörtliches Schwert weggeworfen und sind wir zu einem allzu netten Mitmenschen geworden, fällt es uns schwer, uns zu wehren, uns authentisch zu zeigen und Stellung zu beziehen. Grenzen setzen heisst unter anderem, die «Klinke auf der Innenseite der Tür anzubringen» und zu entscheiden, wer hinein darf und wer nicht.

Keine Grenzen, keine Selbstbestimmung

Wer kein persönliches Hoheitsgebiet absteckt, lädt andere zu Respektlosigkeiten ein. Wenn wir keine klare Haltung an den Tag legen, nimmt uns niemand ernst, wir verhalten uns überkooperativ oder beliebig. Wir verspielen die Freiheit, die uns zusteht, und geben anderen die Macht, uns Dinge auf‘s Auge zu drücken, die nicht die unsrigen sind.

Wenn wir nicht lernen, eindeutige Grenzen zu setzen, halten uns andere den Spiegel vor, etwa indem sie unsere Grenzen überschreiten. Auch kann es dann passieren, dass wir uns pikiert fühlen, wenn andere ihrerseits uns Grenzen setzen. Der vermeintliche Feind sitzt in dem Fall in uns selbst, aber solange wir anderen die Schuld dafür geben, halten wir das Spiel am Laufen, weil wir uns weigern, den Mitmenschen unsere Grenzen zuzumuten – und damit unsere Echtheit.

Aggressivität ist Lebenskraft

Um unsere Grenzen zu wahren, brauchen wir auch Aggressivität. Der Begriff leitet sich aus dem Lateinischen ab, wo er unter anderem dafür steht, etwas anzugehen, in Angriff zu nehmen. Auch wenn es der alltägliche Gebrauch des Wortes nahelegen mag, bedeutet Aggressivität nicht, dass Gewalt ausgeübt wird. Das ist erst der Fall, wenn sie übergriffig gegen jemandes Willen eingesetzt wird.

Doch gelten die Begriffe Aggressivität und Gewalt weithin und ohne plausiblen Grund fast als Synonyme. Kein Wunder, dass Aggressivität tabu ist und schon Kinder kaum lernen, diese Energie sinnvoll zu kanalisieren. Ohne Aggressivität können wir im Leben jedoch nichts erreichen, sind lethargisch und quasi scheintot.

«Ohne Aggressivität haben wir keine Chance, unsere Grenzen zu verteidigen und uns gegen Übergriffe zu wehren. Ohne Aggressivität ist es äußerst mühsam, Position zu beziehen. Aggressivität verschafft uns Respekt, aber kein Mitleid.»

Aggressivität ist ein Teil unserer Lebenskraft. Wenn wir mit dieser Kraft nicht mehr in Kontakt sind, tun wir uns nicht nur mit uns selbst schwer, sondern auch mit der Aggressivität anderer. Wir meiden die Begegnung mit dieser Energie – oder richten sie gegen uns selbst, wenn wir sie nicht sinnvoll nutzen. Denn wenn wir etwas aus unserem Leben rigoros verbannen, können wir keinen angemessenen Umgang damit einüben.

Ein Schwert für Klarheit und Wahrheit

Wer sein «Schwert» nicht ergreift, bekommt Bestnoten für Nettigkeit. Das Schwert ist ein Symbol dafür, Souverän über sich selbst und seine Entscheidungen zu sein, Freiheit und persönliche Autorität auszustrahlen. Auch Frauen trugen übrigens früher Schwerter, etwa bei den Kelten. Heute taugt das Schwert für Männer und Frauen als kraftvolle Ressource. Allein das Erinnern an seine Symbolik kann helfen, den persönlichen Raum zu behaupten oder festen Blickkontakt mit dem Gegenüber zu halten. Wir handeln authentischer und sind mutiger, unseren wahren Überzeugungen zu folgen – und stimmige Grenzen zu setzen.

«Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert», sagte Christus. Das Schwert des scharfen, mitfühlenden Verstandes hilft, zu unterscheiden und zu entscheiden, das Nützliche vom Unnützen, das Echte vom Unechten, nein von ja zu trennen. Ohne diese Unterscheidung gibt es keinen inneren Frieden. Wenn wir innerlich frei sind, nein und stopp zu sagen, sind wir auch bereit für ein klares Ja. Sofern dieses Ja kein Nein zu uns selbst bedeutet.

 

 

Zum Autor:

Klaus Rentel (www.klausrentel.com) fördert und fordert seine Kunden u.a. in der Arbeit mit dem Schwert, ihren eigenen Weg zu gehen und dabei auf möglichst schlichte und direkte Weise ungesunde Gewohnheiten zu verändern, Grenzen zu setzen oder faule Kompromisse zu revidieren

 

Literatur:

Klaus Rentel (2020): Lieber echt als recht. Von der Kunst, authentisch aus der Reihe zu tanzen. Wiley–VCH, 254 S.

 

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